SARS-Übertragung durch chinesische Medizin?

Nach neueren Veröffentlichungen konnten zwei Forschergruppen aus China, z.T. mit Unterstützung aus Australien und den USA, in bestimmten Fledermausarten ein SARS-ähnliches Coronavirus (SARS-like Coronavirus, SL-CoV) nachweisen, das dem für Menschen pathogenen SARS-Virus recht ähnlich ist (1,2). Daraus wurde die Schlussfolgerung gezogen, dass Fledermäuse wahrscheinlich ein Reservoir auch für das menschen-pathogene SARS-Virus darstellen. Die eine Gruppe (1) konnte in 23 von 59 Analabstrichen von wildlebenden Fledermäusen der Art Rhinolophus sinicus aus der Hongkong-Region ein dem SARS-Virus ähnliches Coronavirus nachweisen.

Sie fanden eine 88prozentige Identität zwischen den Nucleotiden ihrer Viren mit denen des SARS-Virus. Die andere Gruppe (2) untersuchte 9 verschiedene Fledermausarten, die in ihrer natürlichen Umgebung in Südchina eingesammelt wurden. Die Autoren konnten in drei Fledermausarten, nämlich Rhinolophus pearsoni, R. pussilus und R. macrotis zu höheren Anteilen Antikörper gegen das SARS-Virus nachweisen. Sie fanden eine 92prozentige Übereinstimmung zwischen dem Genom eines Virus, das aus einer Faeces-Probe isoliert wurde, und dem des SARS-Virus. Bisher wurde ein dem SARS-Virus ähnliches Virus besonders in Zibetkatzen aufgespürt, die von Tiermärkten in Südchina stammten. Die Annahme, dass diese das Reservoir für die Infektion bildeten, wurde aber unwahrscheinlich, als sich herausstellte, dass die Viren in wilden Zibetkatzen oder solchen aus Tierhaltung kaum nachzuweisen waren. Offenbar war es erst unter den Bedingungen der Tiermärkte zu einem Übersprung von einer anderen Tierart auf diese gekommen. Dazu passt, dass das Virus zu größeren genetischen Variationen neigt, die ein Anpassen an eine andere Art möglich machen. Fledermäuse werden auf südchinesischen Tiermärkten zusammen mit diversen anderen Tierarten angeboten. Chinesen schätzen das Fledermausfleisch als eine Delikatesse. Auch werden Fledermausfaezes (Verspertilionis Faeces, ye ming sha) in der chinesischen Medizin verwendet. Die online-Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts vom 30.09.2005 suggerierte eine direkte Gefahr unter der Überschrift "SARS als Folge der traditionellen chinesischen Medizin?"(3). Kann von Verspertilionis Faeces eine Gesundheitsgefahr ausgehen? Laut Bensky/Clavey/Stöger (4) ist die verwendete Standardspezies für dieses Mittel Vespertilio superans THOMAS. In der Praxis werden aber überwiegend andere Arten verwendet, darunter auch vom Genus Rhinolophus die Art Rhinolopus ferrumequinum. Diese ist nicht identisch mit den oben genannten Spezies, bei denen das SARS-ähnliche Virus nachgewiesen wurde. Dennoch erscheint ein SARS-Befall dieser Fledermausart bis zum Beweis des Gegenteils möglich. Eine direkte Gesundheitsgefahr hieraus ist jedoch schwerlich vorstellbar. Nach den vorliegenden Erkenntnissen überlebt das SARS-Virus in Faezes (zumindest menschlicher Herkunft) bis zu 4 Tage (5). In Europa spielt Verspertilionis Faeces nur eine untergeordnete Rolle. Es ist in Deutschland als Rohdroge offenbar nicht, sondern nur von einer Minderzahl der Lieferanten als Granulat erhältlich. Da es ab 56 Grad Celsius inaktiviert wird, ist eine Virusübertragung in dieser verarbeiteten Form wohl so gut wie ausgeschlossen. Dennoch sollte bis zu einer endgültigen Klärung des Risikos das Mittel sicherheitshalber vermieden werden. Das empfiehlt sich zumindest aus juristischen und psychologischen Gründen. Anders sieht es mit dem Gesundheitsrisiko durch den Verzehr von Fledermausfleisch aus. Durch Übertragung von Exkrementresten oder anderen Tierbestandteilen eines frisch geschlachteten oder tief gefrorenen Tieres auf den Menschen ist eine Infektion mit dem SARS-Virus durchaus vorstellbar. In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass es gute Belege dafür gibt, dass chinesische Arzneitherapie zur Prophylaxe von SARS wirksam ist (6): In einer kontrollierten klinischen Studie während der SARS-Epidemie in Hongkong wurde einer Gruppe von 1063 Mitarbeitern eines Krankenhauses über 2 Wochen eine chinesische Rezeptur verabreicht. Als Kontrolle dienten 36.111 Mitarbeiter von 10 anderen Hongkonger Krankenhäusern, die diese Rezeptur nicht erhielten. Während in der Behandlungsgruppe kein Fall von SARS auftrat, traf dieses auf 0,4 % der Beschäftigten aus der Kontrollgruppe zu (p=0.014). Die Rezeptur bestand aus einer Kombination der Formeln Sang Ju Yin und Yu Ping Feng San mit Abwandlungen. Die Bestandteile: Mori Folium (sang ye), Chrysanthemi Flos (ju hua), Armeniacae Semen (xing ren), Forsythiae Fructus (lian qiao), Menthae Herba (bo he), Platycodi Radix (jie geng), Glycyrrhizae Radix (gan cao), Phragmitis Rhizoma (lu gen), Astragali Radix (huang qi), Saposhnikoviae Radix (fang feng), Isatitis Folium (da qing ye) und Scutellariae Radix (huang qin).

Quellen:

  1. Lau SKP, Woo PCY, Li KSM et al. Severe acute respiratory syndrome coronavirus-like virus in Chinese horseshoe bats. PNAS 102(39): 14040-14045
  2. Li W, Shi Z, Yu M et al. Bats are natural reservoirs of SARS-like coronaviruses. Science express 29.09.2005. www.scienceexpress.org
  3. http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=21567
  4. Bensky D, Clavey S and Stöger E. Chinese Herbal Medicine. Materia Medica. 3th ed. Seattle: Eastland Press, 2004
  5. WHO (2003) http://www.who.int/csr/sars/survival_2003_05_04/en/
  6. Lau JTF, Leung PC, Wong ELY et al. (2005). The use of an herbal formula by hospital care workers during the severe acute respiratory syndrome epidemic in Hong Kong to prevent severe acute respiratory syndrome transmission, relieve influenza-related symptoms, and improve quality of life: a prospective cohort study. J Altern Complement Med 11: 49-55